Fahrgeschäfte
Krinoline
Zugegeben, als das wildeste Fahrgeschäft auf der Wiesn sollte man die Krinoline nicht unbedingt anpreisen. Auch nicht als das Neueste. Aber genau hierin liegt ihr nie enden wollender Reiz: Es gibt nur ganz wenige Fahrgeschäfte, die auf eine längere Wiesnhistorie zurückblicken können als die Krinoline.
Das erste Mal konnte man sie 1924 auf dem Oktoberfest antreffen. Michael Großmann brachte die Krinoline – ja, auch mir tut das in der Bayernseele weh – aus Berlin nach München. Benannt ist die Krinoline nach den ausladenden Unterröcken des 19. Jahrhunderts, die für einige Zeit das Bild der damaligen weiblichen Mode bestimmten. Für den, der die Krinoline kennt, ist die namentliche Anlehnung verständlich, denn die Bewegungen des Karussells ähneln denen eines Rocks während des Tanzens.
Für lange Zeit musste die Krinoline von drei bis vier starken Männern per Muskelkraft in Bewegung versetzt werden. Dieser personelle Aufwand wurde doch über die Zeit hinweg immer unrentabler, weswegen Michael Großmann sich um eine Mechanisierung des Antriebs kümmerte. Diesen erfand er persönlich in den Jahren von 1936-38 und ließ ihn auch sogleich patentieren; damit lief die Krinoline ab 1938 elektromechanisch.
1939 wurde eine weitere Neuerung eingeführt, und zwar die 5-Mann-Blaskapelle der Krinoline, für die er an der Außenwand des Karussells extra einen Balkon zimmerte. An diesem Konzept änderte sich im Laufe der Jahrzehnte nichts mehr. Das Erscheinungsbild der Krinoline hat sich somit seit 70 Jahren nicht mehr entscheidend gewandelt.
Mittlerweile befindet sich die Krinoline in der vierten Generation in derselben Familie, woran sich so schnell wohl auch nichts ändern dürfte. Übernahmeangebote aus den Niederlanden und den USA wurden bisher stets höflich, aber entschieden abgelehnt – dies ist nicht zuletzt den Musikern der Krenoline zu verdanken, denen ihr angestammter Arbeitsplatz auf der Wiesn lieb und teuer ist. Dass sich die Krinoline gegen die hochmoderne Konkurrenz bis in die heutige Zeit behaupten konnte, mag manchem als Wunder erscheinen; Einheimischen aber eher als manifestierter Ausdruck der bayrischen Hartnäckigkeit und Heimatverbundenheit.
|