Wiesngeschichten

Ludwig II. und der Kaiserbrief


Am 18. Januar 1871 wurde Wilhelm I., König von Preußen, im Spiegelsaal von Versailles zum Deutschen Kaiser gekrönt. Diesem Staatsakt, der zugleich die Einigung der einzelnen souveränen deutschen Staaten zum Deutschen Reich bedeutete (mit Ausnahme Österreichs), waren dramatische und langwierige Verhandlungen vorangegangen, bei denen Bayern als zweitgrößtem Staat der kleindeutschen Lösung eine zentrale Rolle zukam. Reichskanzler Bismarck bedurfte der Hilfe des Königs Ludwig II. von Bayern, um die von ihm angestrebte Kaiserkrönung Wilhelms durchzusetzen. Ludwig sträubte sich jedoch lange Zeit gegen die Aufgabe der uneingeschränkten Souveränität Bayerns, war er doch noch vier Jahre zuvor an der Seite Österreichs gegen Preußen in den Krieg gezogen, um der großdeutschen Lösung zum Erfolg zu verhelfen.

Das Wissen um die notorischen Geldprobleme des Märchenkönigs drang allerdings bis zu Bismarck durch, der diesen Umstand für sich zu nutzen wusste und Ludwig ein Angebot machte, dass dieser nicht ablehnen konnte. Ohne das Wissen des Königs von Preußen und der bayrischen Minister verhandelte Bismarck im Geheimen mit Ludwig und dessen damaligem Vertrautem, Graf von Holnstein. Man einigte sich schließlich auf Zahlung einer immensen Summe, die Bismarck dem durch Preußen 1866 beschlagnahmten Welfenfonds entnahm, was verhinderte, dass das preußische Parlament und damit auch die deutsche Öffentlichkeit davon erfuhr. Ludwig akzeptierte also nolens volens Bismarcks Angebot und unterzeichnete den so genannten „Kaiserbrief“, in welchem er als mächtigster deutscher Souverän nach Wilhelm I. diesem die Kaiserkrone anträgt.

Bis heute streiten sich die Historiker darüber, ob demnach das Deutsche Reich durch einen kriminellen Korruptionsfall zustande kam (immerhin ging das Geld in Ludwigs Privatvermögen über, welches er für den Bau seiner Schlösser verwendete), wobei diese Frage heutzutage wirklich nur noch für Historiker von Interesse ist. Wie auch immer es gewesen sein mag, in gewissem Sinne hat die damalige deutsche Einigung für bedeutende touristische Attraktionen in Bayern gesorgt, von denen der bayrische Staat nach wie vor profitiert.

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